100 Jahre

Eine Chronik zu schreiben, die einen Zeitraum von 100 Jahren umfasst, ist keine leichte Aufgabe. Man muss sich auf das Wesentliche beschränken, sonst wird sie zu lang. Man ist auf ältere Quellen angewiesen, die handschriftlich, z.T. auch in der sog. Sütterlinschrift abgefasst sind , d.h. sie sind nicht immer leicht zu entziffern. Zum Glück wurden bei früheren Jubiläen schon Rückblicke auf die Vergangenheit, dargestellt, und zwar in der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum und in der Chronik von Ölbronn von Johannes Haßpacher.

 

1.Gründung der ersten Musikkapelle
Am Ende des vorigen Jahrhunderts erlebte das Deutsche Reich einen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, es entwickelte sich eine Dynamik, die sich auf alle Gebiete des öffentlichen Lebens ausbreitete. Der Staat organisierte und förderte die Schulen und Hochschulen. Ein bescheidener Wohlstand ermöglichte es jetzt auch den Bewohnern der Landgemeinden, sich kulturellen Gütern zuzuwenden, und man fand Zeit, sich selbst musisch zu betätigen. So entstanden überall Turn- und Gesangvereine und auch die ersten Musikgruppen, z. B. in Ötisheim, Maulbronn und Knittlingen. Auch in Ölbronn entwickelte sich der Wunsch nach einer Musikkapelle. Im Jahr 1899 gründeten dann sechs Männer eine Kapelle, die sich wie folgt zusammensetzte:

  • Christian Wolf 1.Tenorhorn
  • Karl Böhringer 1.Trompete
  • Christian Frick, Jak. Sohn 2. Trompete
  • August Scheible Bass
  • Adolf Hagman Es-Horn
  • Karl Hagmann 2.Tenorhorn

Als Dirigent wurde Herr Happel aus Knittlingen gewonnen. Mit hm wurde folgende Vereinbarung getroffen: "Mit den Übungsstunden wird sofort begonnen. Übungsplatz ist im Schillingswald, damit beide Teile gleich weit haben. Bei schlechtem Wetter wird im Rößle in Kleinvillars geübt. Instrumente und Noten werden aus Beständen der Kapelle Happel angekauft. Die noch fehlenden Instrumente werden neu beschafft. Herr Happel erhält für eine Übungsstunde 2 Mark." Zur Bestreitung der Ausgaben wurde ein Darlehen von 500 Mark aufgenommen. Geprobt wurde am Sonntagvormittag. Bereits im ersten Jahr konnte die Kapelle bei der Kirchweih auftreten. In den nächsten Jahren traten weitere Musiker der Kapelle bei, es entstand ein Klangkörper, der sich in der Umgebung bald einen guten Ruf erworben hatte und Gartenfeste, Ausflüge und Fahnenweihen musikalisch mitgestaltete. Bei Tanzveranstaltungen konnte man Geld einnehmen und damit das Darlehen zurückbezahlen, neue Instrumente beschaffen und sogar noch etwas an die Musiker verteilen. Leider bereitete der Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 dieser hoffnungsvollen Entwicklung ein vorläufiges Ende, da die Musiker zum Kriegsdienst herangezogen wurden. Christian Wolf, der während des Krieges bei einer Militärkapelle seine musikalischen Fertigkeiten weiter ausbilden konnte und Karl Frick gaben den Anstoß für einen Neuanfang nach dem Krieg. Als Besonderheit sollte man erwähnen, dass alle Nachkriegsmusiker mit Ausnahme von Herrn Wolf den Namen "Frick" führten. Unter der Stabführung von Herrn Wolf ging es rasch aufwärts, weitere Männer traten der Kapelle bei, u.a. auch Gottlob Frick, der später weltbekannte Kammersänger. 1926 gehörten der Kapelle nahezu 30 Musiker an, unter ihnen waren auch fünf junge Männer aus Kleinvillars. Es entstand der Wunsch, die Kapelle zu einem Musikverein, der auch durch passive Mitglieder gefördert werden konnte, auszubauen.

 

2.Gründung des Musikvereins

Am 29.Januar 1928 wurde im Gasthaus "zum Rößle" die Gründungsversammlung abgehalten. Die erste Vorstandschaft des Musikvereins Ölbronn setzte sich wie folgt zusammen:

  • 1. Vorstand: Karl Frick
  • 2. Vorstand: Karl Arnold
  • Kassier: Karl Büchle
  • Schriftführer: Ernst Keller
  • Beisitzer: Wilhelm Kappel und Paul Suedes
  • Dirigent: Christian Wolf

Der Musikverein erlebte einen raschen Aufschwung. Schon im Jahr 1930 nahm der Verein an seinem ersten Wertungsspiel in Gondelsheim teil und erzielte mit der Ouvertüre zur Oper "Nebukadnezar" von Verdi einen Ia- und Ehrenpreis. Die Zahl der Mitglieder stieg an. Unter Zuweisung eines ansehnlichen Geldbetrages trat auch die Firma Schenk in Maulbronn dem Verein bei und setzte diesen als Werkskapelle ein. Großen Anteil an der erfolgreichen Entwicklung des Vereins hatte der damalige 1.Vorsitzende Albert Feinauer, der allerdings im Jahre 1937 nach Mühlacker übersiedelte und sein Amt abgab. Seinem Nachfolger Karl Frik war jedoch nur eine kurze Amtszeit beschieden. Am Erntedankfest des Jahres 1938 verunglückte er in Ausübung seines Amtes mit dem Motorrad tödlich. Die Musikkameraden waren tief erschüttert. Zu den herausragenden Erlebnissen vor dem 2. Weltkrieg gehörte der Ausflug mit der Belegschaft der Firma Schenk nach Stuttgart zur Reichsgartenschau mit einem gelungenen Auftritt in der Stuttgarter Liederhalle am 25. Juni 1939. Wieder unterbrach ein schrecklicher Krieg die positive Entwicklung

 

3.Wiederbeginn nach dem 2. Weltkrieg

In der Nacht zum 1.Mai 1946 ertönte plötzlich Musik vom Eichelberg herab. Einige Musiker hatten sich getroffen und wieder mit dem Musizieren begonnen. Ermuntert durch diesen Auftritt schloss sich der alte Kern der Kapelle wieder zusammen und neue, musikbegeisterte junge Männer traten dem Verein bei u.a. auch unser heute noch aktiver Musikkamerad Ewald Arnold. Das Orchester war inzwischen wieder gut besetzt und im Mai 1948 bot der Verein zusammen mit dem MV Mühlacker ein Platzkonzert. Am 30. Mai 1948 fand die erste Hauptversmmlung nach dem Kriege statt, Gotthold Fauth wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt. Herr Musikdirektor Andre´,der schon früher zum Einstudieren bei schwierigen Werken herangezogen wurde, übernahm die musikalische Leitung. Heinrich Arnold wurde Vizedirigent, und er übernahm auch die Ausbildung der Zöglinge, wie man die Nachwuchsmusiker damals nannte.Im August desselben Jahres nahm man auch schon erfolgreich am Wertungsspiel in Mühlacker teil. Mit viel Elan und
Energie wurden die Planungen für das 50-jährige Jubiläum in Angriff genommen. Vom 18.-20. Juni 1949 dauerte das Jubiläumsfest in der zur Festhalle umfunktionierten Gemeindedreschhalle. Es begann mit einem Festbankett am Samstag, das vom Musikverein Ölbronn, dem Gesangverein Liederkranz Ölbronn und dem Musikverein Enzberg gestaltet wurde. Den Höhepunkt bildete am Sonntag der Festzug, an dem 15 Musikkapellen teilnahmen, die sich am Festplatz zu einem klangvollen "Massenchor" vereinigten. Am Montag fand ein Kinderfestzug und ein Kinderfest mit verschiedenen Vorführungen und Spielen statt. Die ganze Bevölkerung war erfreut über dieses erste große Volksfest nach der schrecklichen Kriegszeit. Auch musikalisch ging es wieder
aufwärts, dies kann man an der regelmäßigen Teilnahme an den Wertungsspielen erkennen. Für uns heute ist es allerdings erstaunlich, dass man in Niefern 1951 die Ouverture "Der Barbier von Sevilla" mit 26 Musikern aufführen konnte. Es war damals auch üblich, dass die Kapelle nach der Rückkehr vom Wertungsspiel auf der "Kreuzstraße" (Kreuzung bei der Kirche) der Ölbronner Bevölkerung das erfolgreiche Wertungsstück darbot.

 

4. Ära Albert Frik

Bei der Hauptversammlung am 22.03.1958 musste ein neuer Vorsitzender gefunden werden. "Nach langem Hin und Her" so schreibt der Chronist, "hat sich Albert Frik bereiterklärt, das Steuer unseres Vereinsschiffes in die Hand zu nehmen", allerdings mit einer Bewährungsfrist von einem Jahr. Sicher hat damals niemand daran geglaubt, dass daraus eine Amtszeit von 25 Jahren werden sollte. In dieser Zeit erlebte der Musikverein, so darf man ohne Übertreibung sagen, seine wohl erfolgreichste Phase. Die Ölbronner gehörten zu den wenigen Höchststufenorchestern im Blasmusikverband Pforzheim-Enzkreis. Mehrere Male erbrachte man diesen Nachweis bei Wertungsspielen, 1978 in Birkenfeld mit der Tagesbestnote. Der MV Ölbronn wurde häufig von auswärtigen Vereinen für die konzertante Gestaltung der Festbankette geholt. Begabte Musiker von anderen Orten zog es nach Ölbronn, weil sie das musikalische Niveau als Herausforderung sahen, sich weiter zu entwickeln . Dazu gehörte Berthold Leicht aus Bauschlott, der inzwischen Kreisverbandsdirigent in Ulm ist, sowie Thomas Krause aus Königsbach, der als Klarinettist heute verschiedenen Musicalorchestern angehört. Die Jugendausbildung hatte einen hohen Stellenwert, zeitweise verfügten wir über ein vollständig besetztes Jugendorchester von nahezu 30 Jungmusiker/innen. In die Zeit fallen auch die großen Konzerte, wie die Jubiläumskonzerte von Herrn Schild, sowie die Veranstaltungen mit Kammersänger Gottlob Frick. Zu diesem Leistungsstand trugen natürlich viele positiven Faktoren bei, die in dieser Zeit glücklicherweise zusammentrafen. Da ist vor allem die Tätigkeit von Kapellmeister Kurt Schild zu nennen, die sich ebenfalls über 20 Jahre erstreckte, seine Arbeit wird in dieser Festschrift durch einen besonderen Bericht gewürdigt. Er wurde musikalisch unterstützt von dem Vizedirigenten und Jugendausbilder Heinrich Arnold, auch ihm sind wir eine besondere Würdigung schuldig. In der Verwaltungsarbeit stand mit Gerhard Wessel als Kassier und vor allem als Organisator des Wirtschaftsbetriebes ein gewissenhafter und engagierter Helfer zur Verfügung. Die positive Entwicklung zeigt deutlich, dass nur eine intakte, konstante Vorstandschaft eine kontinuierliche Arbeit leisten kann.

 

5. Die letzten Jahre

Als Albert Frik im Jahre 1983 nach 25 Jahren seinen Rücktritt verkündete, fragten sich manche, wer in der Lage sein wird, seine Arbeit weiterzuführen. Joachim Neuhaus hat dies geschafft. Er ist jetzt auch schon 16 Jahre im Amt und es ist ihm gelungen, das Erbe zu erhalten und neue Akzente zu setzen. Da galt es zuerst, einen Nachfolger für Herrn Schild zu finden. Mit Thomas Krause schien diese Aufgabe einfach, schnell und gut gelöst zu sein. Nach fünf erfolgreichen Jahren, zwang ihn jedoch seine berufliche Tätigkeit als Orchestermusiker in Bochum, die Dirigententätigkeit in Ölbronn aufzugeben. Sein Nachfolger wurde Herr Hermann Schneider, Hornist am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Diese Tätigkeit verhinderte jedoch ab und zu die Probenarbeit in Ölbronn. Joachim Neuhaus erkannte, dass Unregelmäßigkeit sich leicht auf die Musiker übertragen kann und verpflichtete mit Diplommusiklehrer Helmut Sickinger einen neuen Dirigenten. Durch die Auswahl moderner, zeitgenössischer Blasmusikwerke möchte er dem Musikgeschmack der Jugend Rechnung tragen und junge Talente fördern. Beim Straßenfest in Ötisheim gab er im Juni 1993 sein Debut als Dirigent des Ölbronner Musikvereins. Im September musizierten wir bei der Internationalen Gartenschau in Stuttgart. Ein italienisches Fernsehteam, das zufällig anwesend war, zeichnete unsere Darbietung auf. Ob wir je im Fernsehen in Italien gesendet wurden, weiß niemand.

Seit drei Jahren gehört eine weitere Veranstaltung zum Jahresprogramm. Eine Hocketse beim Rathausbrunnen soll in der "festlosen" Ferienzeit im August den Zu-Hause-Gebliebenen eine Gelegenheit für ein gemütliches Zusammensein bieten. Neben Konzertveranstaltungen gehörten auch schon immer unterhaltsame Darbietungen wie Theaterstücke zu unserem Programm. Früher waren es die Familienabende im "Kronensaal", später wurden daraus die Winterfeiern, bei denen unsere Theatergruppe das Publikum erheiterte. Im Jahre 1994 hatte dann unser Klarinettist Gerhard Frick die Idee, die Winterfeier unter ein bestimmtes Motto zu stellen und das Programm darauf abzustimmen. "Kein schöner Land - eine musikalische Reise durch Deutschland" hieß das Thema. Zusammen mit Herrn Sickinger suchte er passende Lieder und Musikstücke heraus. Abwechselnd besetzte Ensembles spielten diese Werke, andere Musiker, Jungmusiker und Musikerfrauen stellten sie szenisch dar. Selbstgebastelte Requisiten bildeten einen farbenprächtigen Hintergrund dazu. Wie in einem Drehbuch für einen Film hatte Gerhard jede Einzelheit geplant und festgelegt. Das Publikum war begeistert. Auch für die nächsten Winterfeiern hatte G. Frick neue Ideen . Damit seine schöpferische Kraft jedoch nicht überstrapaziert wurde, waren unsere jungen Musiker ebenfalls bereit, ihre Ideen für ein Programm zu verwirklichen. Im Jahre 1997 wurden Ausschnitte aus bekannten Musicals geboten, und im Jahre 1999 stellten wir Musik und Szenen aus verschiedenen Filmen dar. Außenstehende bewundern immer wieder das gute Zusammenwirken von Jungmusikern mit 60-jährigen Musikern. In einer Zeit, in der häufig über das Verhalten und die Einstellung der Jugend geklagt wird, kann dies als hoffnungsvolles Zeichen angesehen werden. Auf diesem Gebiet wird von den Vereinen eine gesellschaftlich bedeutende Aufgabe erfüllt , die sehr hoch eingeschätzt werden muss. Es bleibt deshalb zu hoffen, dass die vom Musikverein in den vergangenen 100 Jahren geleistete kulturelle und soziale Arbeit nicht vergessen wird, dass sie auch in den nächsten Jahren fortdauert und Früchte trägt zum Wohl des Vereins sowie der ganzen Gemeinde.